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foto theo beck1Am vergangenen Mittwoch berichtete der griechische Premierminister Alexis Tsipras dem Europäischen Parlament über die Lage in seinem Land. Der Vorsitzende der Liberalen Fraktion im Parlament hatte scheinbar in der Nacht zuvor gut geschlafen und wetterte sichtlich energiegeladen gegen Tsipras. Die Presse nahm die donnernde Tirade dankbar auf – allen voran der belgische Sender VRT, der Verhofstadts Darbietung gleich in voller Länge veröffentlichte. Dieser war damit der unbestrittene Held des Tages.

Ich möchte an dieser Stelle ein paar Feststellungen über die Art und Weise teilen, wie diese Geschehnisse in der Mainstream-Presse präsentiert worden ist.

Verhofstadt prangerte in seiner Rede den Klientelismus in der griechischen Politik an (insbesondere der aktuellen Mehrheit). Für diese Aussage erntete er den Applaus der konservativen und liberalen Abgeordneten. Verhofstadt hat Recht, der politische Klientelismus ist in der Tat ein Problem in Griechenland. Ich selbst habe noch letzte Woche in einem Kommentar darauf hingewiesen.

Es scheint mir aber zumindest etwas scheinheilig, dass sich ausgerechnet Verhofstadt in dieser Form zu ‘Klientelismus und Privilegien’ äußert. Nach einer Studie der Organisation Transparency International bezieht ein Großteil der Europaparlamentarier einen ansehnlichen Nebenverdienst, indem sie neben ihrem Mandat noch eine Reihe weiterer Ämter inne haben. Dies, obschon sie als Mitglieder des Europäischen Parlamentes alleine schon 12.000€ im Monat verdienen, Auslagen inbegriffen. Einer der Topverdiener ist, wer hätte das gedacht, Guy Verhofstadt. Nur drei andere Europaparlamentarier haben ein höheres Einkommen.

Verhofstadt kombiniert mindestens elf verschiedene Posten und verdient neben seinem Mandat im Europaparlament mehr als 200.000€ jährlich. Wenn wir also von Privilegien reden… Sie wissen schon.

Verhofstadt behauptet weiter, Griechenland habe keinerlei Reformen unternommen und habe bisher auch nicht deutlich gemacht, welche Reformen man bereit sei, umzusetzen. Erneuter Applaus der Abgeordneten.

Damit standen die Schlagzeilen für die Webseiten und sozialen Netzwerke der flämischen und auch der europäischen Presse fest. Verhofstadts Rede war die Meldung des Tages. Die Debatte im Europäischen Parlament war da aber noch nicht vorbei. Im Anschluss an die Reaktionen der Fraktionsvorsitzenden kam auch Tsipras erneut zu Wort. Die Presse aber hatte in diesem Moment schon aufgehört, zuzuschauen. Verhofstadt hatte ja schon alles gesagt. Tsipras führte aus, dass er und seine Regierung seit ihrem Amtsantritt vor fünf Monaten kaum Zeit gehabt hatten, einen wirklichen Kurswechsel zu unternehmen, da die Troika ihnen dazu gar nicht die Möglichkeit gegeben hatte. Davon abgesehen hatten sie einen großen Teil ihrer Energie für die andauernden Verhandlungen aufwenden müssen. Die Kamera im Europaparlament schnitt in diesem Moment auf Verhofstadt, der zustimmend auf Tsipras Ausführungen reagierte.

Tsipras war damit noch nicht fertig. In knapp zwei Minuten zählte er eine ganze Reihe von Reformen auf, die Griechenland schon unternommen hat und noch unternehmen wird. Es wird ihm nicht schwer gefallen sein diese Liste zusammen zu stellen, denn von allen europäischen Ländern hat Griechenland schon jetzt die meisten Reformen umgesetzt. Reformen, über die Verhofstadt und seine applaudierenden Kollegen anscheinend nicht auf dem Laufenden gewesen waren. Während Tsipras seine Liste abarbeitete, schien Verhofstadt jedenfalls schon weniger entspannt.

Es stellt sich übrigens heraus, dass sich Verhofstadt und Tsipras nicht nur in ihren Anschauungen, sondern auch in ihrem Auftreten unterscheiden. Während Verhofstadt in gebrochenem Englisch daher brüllte, blieb Tsipras freundlich und gelassen.

Der rund 20-sekündige Beifall, der Verhofstadts Rede folgte, wurde von der Presse als ‘donnernder Applaus’ beschrieben. Allerdings erhielt Tsipras doppelt so lange Beifall, einmal bei seiner Ankunft im Europäischen Parlament und ein weiteres Mal im Anschluss an die Rede, in der er (unter Anderem) auf Verhofstadts Angriffe konterte. Das jedoch scheint der Mainstream-Presse keine Meldung wert gewesen zu sein.

Übrigens wurde nicht nur Verhofstadt in seine Schranken verwiesen. Auch der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei, der Deutsche Manfred Weber, wurde rot, als Tsipras ihn daran erinnerte, dass Solidarität ein wichtiger Grundsatz für die Europäische Union sein sollte. Und dass der größte Moment der europäische Solidarität das Jahr 1953 gewesen war. Das Jahr, in dem Europa Deutschland die Hälfte seiner Schulden erlassen hatte.

Mir war es wichtig, auch diese Version der Geschehnisse mit Ihnen zu teilen. Denn ich halte es kaum für wahrscheinlich, dass Ihnen viel von dem gerade Gesagten im Fernsehen gezeigt wurde. Was sie dort gesehen haben, war wohl eher die Wiederholung der ‘Meldung des Tages’.

Bleri Lleshi ist ein in Brüssel lebender politischer Philosoph und Autor mehrerer Bücher. Sie können ihm auf Facebook und auf Twitter folgen.

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