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28495_416074574858_617929858_5208893_1421550_nBleri Lleshi berichtet aus dem Brüsseler Großstadt-Dschungel und räumt mit Vorurteilen auf.

Das Hupkonzert ist unüberhörbar. Auf der fünfspurigen Rue de la Loi im Brüsseler Europaviertel presst sich Stoßstange an Stoßstange. Die Ampel wird Grün, doch Linksabbieger blockieren die Fahrbahn. Fußgänger wandeln durch den Dunst aus Abgasen über den zugeparkten Zebrastreifen. In Mitten des Blechchaos steht ein Polizist in gelber Warnweste. Etwas unorganisiert sei seine Stadt, sagt der Blogger Bleri Lleshi. Aber das mag er, denn er ist genauso.

Bleris Leben ist unübersichtlich: Er ist Philosoph, Schriftsteller, Filmemacher, Aktivist. Die Synthese aus allem ist sein Blog. „Er ist ein Teil von mir“, sagt er. Die Themen hierfür werden in Brüssel geboren: Multikulti-Gesellschaft, Ansichten junger Menschen, Migration, aber auch soziale Probleme und Armut. „Brüssel ist nicht die beste Stadt. Aber jeder sollte versuchen, seine Stadt zur Besten zu machen. Nur wer sich engagiert, fühlt sich zuhause.“

Bleris Zuhause war eigentlich Albanien. Heute wohnt er knapp drei Kilometer entfernt vom stressigen Europaviertel am Place Eugène Flagey. Warum ist er geblieben? In einer ausholenden Bewegung zeigt er über den Platz, wo Kaffeegeruch und ein Stimmengewirr aus vielen verschiedenen Sprachen die Luft erfüllen. „Darum!“

60 Prozent der Menschen, die in Brüssel leben, sind keine Belgier. „Eine Bereicherung“, sagt Bleri, „aber viele Menschen in Flandern glauben, das hier ist der Dschungel.“ Besonders gegenüber den Jugendlichen in Brüssel gebe es viele Vorurteile. Damit will er aufräumen, indem er den jungen Brüsselern eine Plattform bietet: seinen Blog. 20 Briefe von 16 bis 26-Jährigen hat er bereits veröffentlicht, sie sind adressiert an die 30.000 Unique User, die Bleris Blog jeden Monat besuchen.

Eine der Autorinnen ist die 19-jährige Rabia Uslu. Fünf Kilometer vom Flagey Richtung Zentrum sitzt sie in der Rue de Laeken unter der hohen holzgetäfelten Decke des Kulturzentrums „La Tentation“. „Ben je hier om het debat?“ fragt sie einen jungen Mann, der mit regennasser Brille durch die Tür tritt. „Twee trappen omhoog.“ Unter dem Dach des Backsteingebäudes debattiert Bleri mit jungen Erwachsenen: „Er ist der Erste, der über uns redet“, sagt Rabia, „er verpackt unsere Gedanken in starke Worte.“

Für seine starken Worte ist Bleri bekannt und gefragt. Er schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen, hält Reden. Davon lebt er. An seinem Blog verdient er nichts, denn er lehnt Werbung ab und schreckt auch vor einer freiwilligen Abgabe zurück. Doch kein Geld heißt nicht weniger Schreibkraft: In zweieinhalb Jahren veröffentlichte er 250 Artikel.

Auf Brüssels Straßen findet er Ideen oft unerwartet. Zum Beispiel einmal in der Weihnachtszeit, wenn der Grand Place – Brüssels Schmuckschatulle – noch mehr funkelt als sonst und der typische Waffelgeruch über der Stadt sich mit Zimt mischt. Aus dieser Atmosphäre betritt Bleri seine, steigt ihm der Uringestank eines Obdachlosen in die Nase. Er hält er die Luft an und in wenigen Sekunden ist ein Artikel in seinem Kopf geschrieben. Warum ignorieren wir die Obdachlosen in den Straßen? Warum kümmert sich die Stadt nicht um sie? Wie kann die Situation verbessert werden? „Ich schreibe manchmal tagelang nicht und dann in wenigen Stunden mehr, als andere in einer Woche“, sagt Bleri.

Bleris Verstand arbeitet wie die Rue de la Loi. Manchmal fließt alles nur langsam vor sich hin. Aber wenn eine Idee angerast kommt, muss er sie sofort auf einen Bierdeckel oder in die weißen Ränder der Zeitungsspalten kritzeln. Denn tausend andere Einfälle und Worte strömen bereits nach. Und wehe, wenn dann etwas die Kreuzung blockiert.

Kira Gantner

Picture: Lucia Russo

https://blerilleshi.wordpress.com/

https://www.facebook.com/Bleri.Lleshi

Twitter @blerilleshi

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