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Neville Tranter scheint keine Angst davor zu haben, sich auf der Bühne heiklen Themen zuzuwenden. Sein Stück « SCHICKLGRUBER alias adolf hitler » , letzten Samstag im Rahmen des «Festival des Libertés» in englischer Sprache vor Brüsseler Publikum aufgeführt, handelt von den letzten Stunden im Führerbunker in Berlin, April 1945. Die anwesenden Personen: Adolf Hitler, Joseph Goebbels, dessen sechs Kinder, Hermann Göring, Eva Braun und Hitlers Kammerdiener, Heinz Linge.

Tranter ist Puppenspieler. Als einzige Person auf der Bühne übernimmt er als solcher alle Rollen gleichzeitig und spielt zudem selbst die Figur des Heinz Linge. Die Puppen wirken durch das meisterhafte Spiel von Neville Tranter so menschlich, wie es echte Schauspieler nicht besser könnten. Die Tatsache, dass diese historisch äusserst vorbelasteten Persönlichkeiten von fratzenhaft gestalteten Puppen dargestellt werden, verleiht dem Stück zudem eine gewisse theatralische Entrücktheit, welche die Distanz zwischen geschichtlicher Realität und dramaturgischer Inszenierung zu unterstreichen scheint.

Tranter hält sich nicht genau an die historische Chronologie der Ereignisse, und begegnet der Thematik auch sonst mit der ihm zustehenden künstlerischen Freiheit. Sein Focus liegt auf der Psychologie der im Bunker eingesperrten Personen. Mit großem schauspielerischen Können entfaltet er vor dem Zuschauer die verworrenen, von Verzweiflung und Todesangst  zerfressenen Gemüter der im Angesicht des bevorstehenden Suizids Vereinten.

Der kleine Helmut Goebbels kämpft erbittert und doch erfolglos um väterliche Zuwendung. Sein Vater, dargestellt als ausgemergelter Krüppel, ist ganz mit eigenen Sorgen beschäftigt. Noch im Angesicht des Todes wirbt er um Hitlers Gunst, für seine Kinder hat er kein Auge. Auch will er ihnen und der Mutter nicht selbst das tödliche Zyankali verabreichen. Diesen Auftrag übergibt er an Linge, welcher vergeblich versucht, die Kinder zur Flucht zu überreden. Hitler sieht im Horoskop die Zukunft («Linge, we’re going to win the war!») und kann doch nicht über seine tiefe Verzweiflung angesichts seines Scheiterns hinwegtäuschen. Er wirkt irr und unzurechnungsfähig, rastet wegen Kleinigkeiten aus und scheint gleichzeitig müde und leer. Die Puppe, welche seine Person darstellt, trägt trotz des von Wahn verzerrten Gesichts unverkennbar die Züge des Diktators, während Göring eher abstrahiert als die wandelnde Fettleibigkeit mit Schweinchennase in martialischer Uniform dargestellt wird. Er scheint als einzige der anwesenden Personen unbesorgt. Selbstsicher und aus voller Kehle gröhlt er mit derb-deutschem Akzent das Lied «Come join the Luftwaffe!» in sein Totenschädel-Mikrofon.

Die Figur der Eva Braun erscheint als halbsenile Greisin in schwarzem Gewand, jedoch vulgär überschminkt und einen weißen Brautschleier auf dem Kopf tragend. Sie lebt in einer Blase, in der es nur sie und ihren Geliebten Hitler gibt, welchen sie anbetet. In ihrer blinden und dem Zuschauer fast peinlichen Unterwürfigkeit sieht sie in ihm den vollkommenen Helden. Durch die heimliche Hochzeit am Tag vor dem gemeinsamen Suizid scheint ihr höchstes Ziel erreicht. Tranter deutet die Zeremonie nur an, der Hochzeitsmarsch erklingt leise im Hintergrund. Doch da Eva vom Führer trotz der Eheschließung nur wie ein lästiges Kind behandelt wird, ist sie zutiefst unglücklich und trauert über ihren nahenden Tod als kinderlose Frau. Sie bittet um einen Kuss. Hitler antwortet wütend: «Swallow your pills! And Maul zu!»

Eine weitere Figur erscheint ab und an auf der Bühne: Der Tod. Als tolpatschiges Monster mit komischer Begabung, gewandet in ein neonfarbenes Glitzerkleid,  holt er einen nach dem anderen von der Bühne. Herrlich ist der letzte Dialog zwischen dem Tod und Hitler: Mit raffinierten rhetorischen Ratschlägen steht der Tod Hitler bei der Vorbereitung zu dessen Rede anlässlich des Friedensnobelpreises zur Seite.

«Schicklgruber» war der Name von Adolf Hitlers Vater Alois, bevor dieser ihn aufgrund einer Erbschaftsangelegenheit in Hitler ändern ließ. Sein Sohn hieß selbst nie anders und auch wird seine Figur in dem Stück stets mit seinem richtigen Namen angesprochen. Insofern bleibt der Zusammenhang zwischen dem Inhalt des Stücks und der Wahl des Titels etwas im Unklaren.

Trotz des nicht gerade leicht bekömmlichen Themas und der oft makaberen bis höchst absurden Dialoge fühlt man sich als Zuschauer nicht unwohl. Zu treffend ist Tranters beißende Satire, zu groß seine Perfektion in der gesamten Umsetzung des Schauspiels. Ohne den kleinsten Fehltritt wechselt er von einer Figur zu nächsten, gibt jeder Puppe ihre eigene Stimme und ihren eigenen Charakter. Hitzige Wortwechsel zwischen mehreren Figuren zeugen von Tranters allerhöchster Konzentration und der großen Beherrschung seiner Kunst. Sein intelligenter Humor entdämonisiert den Mythos um die Person Hitlers, ohne der Handlung ihren Tiefgang zu nehmen. Doch mehr noch als durch seine komischen Qualitäten begeistert Tranter durch seine Kunst, den leblosen Puppen auf magische Art und Weise zutiefst menschliche Züge zu verleihen, jene des menschlichen Abgrundes.

More information:

http://www.stuffedpuppet.nl/schicklgruber.html

 

Lea Ullmann

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